26.03.2018

SV Blankenese - FC St. Pauli 3 18:15 (6:10)

Auswärtsspiel am Sonntag, den 18.03.2018 um 14:30h in Blankenese

Als ob!

Tammos Lieblingsband sind die Free World Fuckers. Da trommelt sein Papa, und er immer mit, wenn die CD läuft und er auf dem Weg zum Auswärtsspiel im Kindersitz abhängt und die Hände frei hat. Wenn eine andere Band auf der CD dran ist, wird Tammo leicht ungeduldig, aber Fischmob findet er okay und Ahnma eh, dann ruft er erst "lauter!" und dann "lauter, bitteeee!", weil Tammo nicht nur einen guten Musikgeschmack hat (dazu später mehr), sondern auch recht ansehnlich erzogen ist. Wir also in sonnendem Strahlenschein auf nach Blankenese, den trommelnden Tammo an den Fuckers-Textstellen mit Schimpfwörtern pädagogisch wertvoll ablenkend und ihn mit einer denglischen Freestyle-Version des sonst jawohl zuuu nervigen Gentleman-Parts im Comeback-Hit der Midlifefüchse featuring den verkaufsfördernd eingebauten Mannmann zu Höchstleistungen an den Drums herausfordernd, bester Dinge und mit hunderteins guten Vorsätzen in der Tasche. Dass wieder nur sieben Leute trainieren konnten und wie immer auch eher andere miteinander und noch dazu zwei nur am Rand – na und? Wir können nix? Mehr? Als ob!

So war das also alles noch gewesen auf der Hinfahrt.

Ankommen war auch noch prima: Freuen über Nadja, Moni und Mirja, die dabei waren und uns damit aus der Bredouille halfen (Dankeee!), freuen über Sasha, die von Eva aus Niedersachsen direktemang von der Piste aufs Spielfeld bugsiert wurde, freuen über Alex, der nach Grippepause wieder coachen konnte, freuen über die ganze Halle zum Warmmachen trotz 7. Bundes.

Wir also so am Warmmachen und jetzt aber, läuft alles prima, dies das, und dann auf einmal piffpaff: Schlagermusik. Und nicht nur wippende Gegnerinnen auf der Gegenseite, nein: Tammo!!!! Tanzt!!! Läuft hopsend durch die verblüffte Schar in Regenbogenfarben, und hinter ihm her die errötende Mutter vons Janze, beschwichtigend auf den sich Wiegenden einredend: Übertreib nicht deine Rolle! Welch Verrat an den Free World Fuckers, verlegen schweigen wir uns dehnend durch die herüberwehenden Klänge und all die Wörter dazu, die ja naturgemäß von unseren Hirnen noch nicht einmal übersetzt werden müssen und sich also hätten einbrennen können. Das Lied so: Ich schicke neun Küsse von unserem Stern, oder vielleicht Ein Atem mit neun Hossas, oder war es Neunmal seist du gepriesen, Eigenheim/Herdprämie/duale Geschlechterordnung, irgendwas mit Neun jedenfalls und bestimmt große Liebe und kleine Träume dabei. Ich wollte den Titel natürlich erst auch noch rausfinden mit diesem Internet, aber dann hatte ich große Angst davor, dass ich mir mein bisher blitzsauberes postpunkig-authitentisches Profil mit "die mir bekannten Wortfragmente + Schlager" nachhaltig ruinieren könnte und fortan nur noch noch ätzendere Werbung uppoppen würde, wenn ich zum Beispiel wie üblich in alten Spex-Artikeln recherchieren, einen Duden-Eintrag editieren oder eine subversive Sprachnachricht bei anrufausdenneunzigern.edu platzieren täte.

Das alles wollte ich nicht, genauso wenig wie das Anhören zuvor. Und: Nein! Wir setzten dies nicht in positive Aggression um, wir besprachen nur, das tun zu wollen.

So ganz vergemütlichen tat uns diese Schunkel-Offensive allerdings auch nicht: Nach Anpfiff lief es unerwartet rund am Ball, geschmeidig in Beinen und Wurfarm, geradezu ideenreich! Unsere drei Aushilfen waren höchst erfolgreich dabei, sich nicht als solche erkennen zu geben, die Abwehr rotierte, sprach, verschob punktgenau auch in der ungewohnteren 5-1, und vorne fielen uns massenhaft Sachen ein, gleichzeitig und miteinander – bis ins Tor. Zehnmal ma sagen trafen wir, die anderen nur jede fünfte Minute. Das war die beste Halbzeit des Jahres, mindestens. Fast unheimlich, und alle so innerlich: *kreiiiiisch*

Wir also mit einem Lächeln in die Kabine, und Alex so: Es steht 0 zu 0, wir müssen genau so weitermachen. Und alle so: Ja! Isso! Und menno macht das Spaß! Und wir wieder raus.

Und die anderen so: Sechs-Null-Lauf. 12 zu 10 in Minute 42 (auch das noch). Und wir so: Ball auf dem Weg nach vorne in Überzahl vertändel, Abpraller nicht gefangen, Kreisanspiele auf Kniehöhe erzwing. Sssslos, Sankt Pauli??? Ja also, wir hatten ja sehr lange nicht geführt nach 30 Minuten, und sooo viele Tore, und überhaupt fiel uns wohl wieder ein, dass wir ja eigentlich so sehr durchgewürfelt waren und Aua und Trainingsrückstand hatten – man weiß es nicht. Es war jedenfalls e-l-e-n-d-i-g. Und obwohl wir ab Min. 43 immer dranblieben, ergebnistechnisch, hatte sich in den Köpfen längst die Niederlage eingeschrieben. In diesem in der 2. Hälfte schon auch engen Spiel gab es weder Zwei-Minuten-Strafen noch eine einzige, mickrige Gelbe. So ein bisschen ein Gekämpfe bringt ja gemeinhin meist auch was. Wenigstens irgendwas anderes als dieses ergebene Ach-so-dann-doch-nicht, ich lass sie mal werfen von acht Metern.

Da können wir auch nicht Stan (Name von der Redaktion geändert) mit reinziehen, auch wenn es kaum noch Zufall sein kann, dass er erst zur 2. Halbzeit erschien.

So hingen also die Köpfe etwas bei der Geburtstagskistendegustation im ungerechterweise noch immer besonnten Hallenumfeld, und hätten wir nicht auch auf der Rückfahrt wieder diese CD gehört, ich hätte für nix garantieren können. Ein Glück entdeckten wir im Anschluss noch einen Szene-Italiener, wo wir Mandys Handy sehr stilvoll aufladen konnten. Dort sprachen wir alles noch einmal ganz vernünftig durch bei einem und einem zweiten Bier, banden auch unseren Sponsor in die zielführenden Restsaisonplanungen ein und verhielten uns insgesamt wie schon zuvor sehr moderat und gar nicht rebellisch, und dann fragte ein Mann mit einem Szene-Hut "Geht’s noch lauter?", allerdings Tammos wegen, und da wurde es blöd, weil er im gefährlichen Leben von Handballspielerinnen on fire ja auf jeden Fall UNS hätte zurechtweisen müssen.

Aber wofür auch? Der Szenemann wusste ja von nichts und las Die Zeit. Und wir wissen ja jetzt erst, wie viel wir von Tammo lernen können: Das ist doch scheißegal! Hauptsache, es is Musike drin.

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