Eimsbütteler TV
5. Männer
37
15

Eimsbütteler TV – FC St. Pauli 5 37:15 (und noch‘n paar Niederlagen und ein Sieg mit Vintage gegen Wilhelmsburg); 15.10.2017, 18:30 Uhr, Hohe Weide

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Bekackte Amateure

„I just dropped in
To see what condition my condition was in.“
– Kenny Rogers

Der Dude kam an den Tresen und bestellte einen Russen. Während der Barmann das Zeug zusammenrührte, starrte der Dude ins Nichts und wippte mit dem Kopf, als würde in seinem Schädel eine Musik spielen, die nur er hören konnte. Ich sah ihm ins Gesicht.

Nach einer Weile merkte er es. Er hörte auf, mit dem Kopf zu wippen und starrte mit leicht geöffnetem Mund zurück. „Hey Dude.“ sagte ich, „Was geht?“

Das war eine rein rhetorische Frage. Jeder wußte, daß rein gar nichts ging. Niemals. Schon lange nicht mehr. Der Dude war ein notorischer Loser; wenn er in der Einsamkeit seiner Junggesellenbude kiffte, ließ er lautstark Pornos laufen, damit die Nachbarn dachten, er hätte Damenbesuch.

Jetzt nickte er bedächtig, als gelte es, die turbulenten Ereignisse der letzten Wochen aus dem Gedächtnis zu schütteln. „Doch…“ meinte er, „Doch, ja… – kann nicht klagen. Ja, ich denke, gerade geht ‘ne ganze Menge.“ Er nahm einen Schluck von seinem Drink und musterte mich.

„Und selbst so?“ fragte er, und bevor ich antworten konnte, schob er anerkennend hinterher: „Cooler Stil, Mann.“ Er griff sich eine Handvoll Nüsse aus dem Schälchen auf dem Tresen und musterte mich nochmal, mit mahlenden Kiefern. „Diese Sportlermasche ist ganz schön mutig. Aber ich finde, das hat was. Respekt, Mann!“

Ich trug noch mein Trikot vom letzten Spiel. Mir war nicht so nach umziehen gewesen. Aus der Brust war ein großer Fetzen rausgerissen und ich verströmte einen herben Duft, der die Damen auf Distanz hielt. Eigentlich hielt er alle Nichtraucher auf Distanz.

Der Oldtimer neben mir rauchte. Eine nach der anderen rauchte er und hatte ein Glas Bier vor sich stehen. Der Pegel im Glas nahm dermaßen langsam ab, daß ich mich fragte, ob er wirklich trank oder ob das Zeug einfach verdunstete. Der Dude bestellte noch einen Russen.

Der Oldtimer grinste mich zahnlos an. „Die haben euch ganz schön verprügelt, hab‘ ich gehört. 40:12 oder so. War‘n die so gut, oder ist euch in den letzten Wochen die Moral flötengegangen?“ Damit spielte er auf die Serie von vier Niederlagen an, mit denen wir nach dem Aufstieg in die neue Saison gestartet waren.

Diesen Spruch von so einem alten Sack fand ich reichlich unangemessen. Den hätte ich mal sehen wollen gegen diese ganzen ambitionierten Brecher aus Poppenbüttel, Rellingen und Eimsbüttel. HH-Nord hatte Oberalster mit 49:7 abgewatscht! Dagegen hatten wir uns doch vorzüglich gehalten! Außerdem war das kein 40:12 gewesen. „Das war nur‘n 37:15!“ protestierte ich und klang dabei vielleicht ein ganz klein wenig weinerlicher als geplant.

„Siebenunddreißig zu fünfzehn!“ pfiff der Dude durch die Zähne. Der Alte feixte. „Wie verliert man ein Ligaspiel mit 37:15?“ fragte er. „Hat euch einer mit ‘ner Wumme bedroht?“ „Die waren halt besser.“ murmelte ich, und: „Vielleicht haben wir‘s ihnen in der Abwehr ein bißchen zu einfach gemacht. Da fehlte aber auch der ganze linke Rückraum. Und gekämpft haben wir! Es gab sogar ‘ne rote Karte!“ Leider wußte der Alte bescheid: „Die war doch eher dämlich, wurde mir zugetragen. Durch‘n Anwurfkreis gelaufen und vom Gegner abgetippt. War wohl ein sehr junger Kollege, was? Hähähä!“ Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Das Bier rührte er nicht an. „Also: wir…“ begann er klugscheißerisch, „…wir haben ja gewonnen. Näääch?“

Was der wohl gewonnen hatte! dachte ich. ‘nen Zehner im Lotto vielleicht. Aber der Dude machte mit und prostete ihm zu. „Auf die Sieger!“ sagte er so cool wie möglich. Der Alte sonnte sich in der Bewunderung. „Jahaaa!“ posaunte er heraus. „Das ging richtig gut mit uns! Wilhelmsburg sauber niedergehalten. Hätte ja nicht gedacht, daß ich nochmal mit Hupfi spiele. Oder mit Jens Ohde. Die haben schon noch was auf dem Kasten, die alten Herrschaften!“

Er war obenauf und klatschte jetzt sogar mit dem Barkeeper ab. Ich sah, wie auf einer Eckbank ein paar Backfische auf ihn deuteten und bewundernd tuschelten. Der Arsch! Mit seinem abgeschabten Tweedjackett, das nach Kippen stank und nach Tod!

Ich bestellte noch einen Lagavulin. Rellingen, Eimsbüttel und Nord – die wollten alle in die Landesliga, aber in Barmbek hätten wir nicht verlieren müssen. Jetzt Oberalster – aber hatten wir noch die nötige Moral?

Ein paar Stunden später – der Dude war längst wieder im Wolkenkuckucksheim und den Alten hatten die Mädels auf den Kiez geschleppt – fing auf einmal der Barmann an zu spinnen.Er jammerte, daß er überhaupt nicht mehr wisse, wo ihm der Kopf steht vor lauter Arbeit und fing an, einen Traum zu erzählen:
„Ich also auf dem Fahrrad. Korrekt beleuchtet und alles und echt gut in Schuß, und ich rase im Dunkeln übern Radweg und da seh‘ ich neben mir so‘ne Oma auf dem Gehweg langzockeln. Ohne Licht und mit Tüten am Lenker. Total große Tüten. Alles voller Tüten auf dem Rad. Ich also vor bei und weiter und denk‘ nicht mehr dran. ‘ne ganze Weile. Und auf einmal merk‘ ich, wie sie hinter mir ist und aufholt. Und ich denk, das kann doch nicht sein und mach schneller, aber ich komm‘ kaum vom Fleck und sie kommt immer näher und ich krieg‘ richtig Angst und strampel‘ wie blöde und sie jagt mich und es nützt nix.“ Er greift sich irgendeine Flasche und nimmt einen tiefen Schluck.

„Und auf einmal bin ich an der Alster. Es ist Mitternacht und kein Mensch ist unterwegs und ich steh‘ auf der Brücke und kuck‘ Richtung Stadt und in der Ferne sind die Hochhäuser beleuchtet und davor liegt der See. Und der See ist total ruhig. Dunkel und riesengroß und absolut ruhig. Und ich sehe die Lichter von den Autos in der Stadt, aber ich hör‘ nix. Es ist total still. Weit weg die Hochhäuser und die Lichter und über dem See ein dunkel leuchtender Himmel und darunter das stille Wasser, in dem sich die Bäume spiegeln. Und dann ein einziges Geräusch. Von einem Vogel. Und dann nochmal und ich merke, daß das eine Ente ist, weil da ja Enten wohnen. Es ist nichts zu hören außer der Ente. Und ich denke, daß Enten hier nicht hingehören, weil das doch mitten in der Stadt ist. Und ganz ruhig und träge schiebt die Alster eine Ladung Blätter unter der Brücke durch und in den See rein mit einer ganz langsamen und schweren Bewegung, als wär‘ der See aus Blei. Und die Ente quakt leise, als würde sie ihren Kindern was sagen und ich denke Enten gibt‘s auch anderswo, und in den Plöner See, da gehören die Enten rein, da sollen sie wohnen; aber in Hamburg – in Hamburg ist so eine Ente schon was besonderes.“

Mit solchen Leuten muß ich hier klarkommen. Auf Dauer kann das nicht gutgehen.
(arne)

Es spielten: alle irgendwann mal und Hupfi war wirklich erstaunlich fit

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