1. Männer
HSG Schülp/W/R
28
30

FC St. Pauli – HSG Schülp/Westerrönfeld/Rendsburg 28:30 (17:16); Heimspiel am 08.04.2Q17, 20.00h, Sporthalle Budapester Straße

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2Q17

Es geschah auf dem Weg nach Hause. Zuerst dachte ich kurz, ich befände mich noch in einem tranceartigen Zustand, eingelullt von litauischen Bergwelten und wandernden Ziegenherden, im Rausche dieses reinen, getreideversetzen Trankes. Ich blinzelte, guckte ein zweites Mal, rieb mir die Augen, aber es war eindeutig: Da waren zwei Monde am Himmel. Nicht nur einer, der gute Alte, nein, er hatte einen kleinen Freund dabei, der etwas schüchtern neben ihm am Himmel hing. Sofort zückte ich mein Handy um dieses Spektakel für die Nachwelt festzuhalten. Klick. Wow. Es war echt. Zwei Monde über St. Pauli.

Meine Gefühlslage schwankte zwischen Verwirrung und Faszination. Was hat das zu bedeuten? So ein Himmelskörper entsteht ja mal nicht nebenbei, das dauert ja schon n bisschen bis der sich bildet, und dann leuchtet der auch noch so friedlich. Hat das nicht Auswirkungen auf die Meere, Ebbe und Flut und so? Und kann das nicht weit reichende Folgen für das Klima haben, für die Artenvielfahrt, vielleicht auch für die Schifffahrt? Muss ich meine Entdeckung jemandem melden? Um meine Gedanken zu sortieren, stieg ich von meinem Fahrrad ab und setzte mich auf eine Bank. Ich betrachtete die beiden Monde und dachte darüber nach, welche Folgen diese Veränderungen für mich haben könnten. Komischerweise war ich furchtlos und wunderte mich auch nicht, als plötzlich ein Waschbär an mir vorbei schlich, zielsicher ein Loch im Zaun zum Planten un Blomen ansteuerte und im von zwei Monden in schummriges Licht getauchten Park verschwand. Ich stand auf, stieg auf mein Rad, fuhr nach Hause und legte mich ins Bett. Ich schlief tief und fest, traumlos, die beiden Monde sahen zu.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und dachte sofort an die Ereignisse der vergangenen Nacht. Ich holte mein Handy um mir das Foto mit den zwei Monden anzugucken. Aufgeregt machte ich das Telefon an, öffnete die Bilder. Die letzte Aufnahme tauchte sofort bildschirmfüllend auf. Die Reeperbahn, aufgenommen von der Ecke Hamburger Berg. Wenige Menschen, einer sieht aus als tanzte er mit einer Straßenlaterne. Und dann der Mond. Klar und deutlich. Ein Mond.

Wie kann das sein? Ich habe das doch gestern genau gesehen! Kann ich meinen eigenen Augen nicht mehr trauen? Ich setzte mich an den Küchentisch, machte mir einen Kaffee und ließ mir den gestrigen Tag noch mal durch den Kopf gehen. Und so langsam kam mir die Erkenntnis. Es war nicht die einzige Merkwürdigkeit, die an diesem Tag geschehen war. Es fing schon bei unserem Spiel an. Hatten nicht die gegnerischen Fans laut “AFD! AFD!“ skandiert? Wie konnte es sein, dass wir einfach keine Tore werfen konnten, bei besten Chancen? Auch die Schieris befanden sich zwischenzeitlich in einem verwirrten Zustand, sahen Fouls und Tritte, die kein anderer sah. Und dann, das war fast das merkwürdigste, tauchte nicht immer mal wieder zwischendurch eine gealterte, gelockte Version von Lionel Messi in unserem Trikot auf dem Spielfeld auf? Fast so wie der Waschbär in der Nacht? Irgendwas war komisch. Und nicht nur das, auch schien bei einigen Menschen die Grundregeln des menschlichen Miteinanders vergessen. So wurde mir erzählt, dass einer der Mitgereisten Schülper Fans von einem unserer Anhänger so bedroht wurde, dass der sich kaum mehr auf den Dom getraut hat. Das ist nicht nur verwunderlich, sondern echt kacke! Und dann halt die zwei Monde…

Es muss einen Zeitsprung gegeben haben, eine Verschiebung der Realitätsebenen. Ich habe keine Erklärung für die Ereignisse, ich möchte ihnen aber trotzdem einen Namen geben: 2Q17. Der vergangene Samstag geht in die Geschichte ein als der erste und bisher einzige Tag des Jahres 2Q17. Nicht unser Jahr.

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